Up-Dating

Ich erwische mich gelegentlich bei einer gesellschaftlichen Krankheit. Dem Up-Dating, äußerst beliebt auch in familiären Kreisen. Was genau passiert da eigentlich? Bei dieser Art des Datens geht es womöglich darum, jemand anderen auf den neuesten Stand des eigenen Lebens zu bringen. Dabei werden meist unzusammenhängend News, Aktivitäten und Begegnungen der letzten Wochen wild hin- und hergepfeffert oder sorgfältig nacheinander abgearbeitet, bis der andere oder gar man selbst den Eindruck hat, das Gegenüber sei nun ausreichend versorgt. Aber mit was eigentlich? Und was genau stellt derjenige überhaupt damit an? Was man ja gerne vergisst, ist die Tatsache, dass die meisten Mitmenschen genauso sehr um sich kreisen wie man selbst. Interessant finde ich auch die Frage, was nach dem Update eigentlich passieren würde, wäre dann nicht „zufällig“ der Zeitpunkt gekommen, an dem man sich voneinander verabschiedet. Das nächste Update steht dann ins Haus, wenn sich genug Neues angesammelt hat.

Da so ein Update ja Zeit und Energie frisst, muss sich noch ein stark eigennütziger Antrieb darin befinden – außer dem versteckten Statement, dass ich mit dem Update „erst recht nichts von mir erzähle“ und „dir mit Absicht nicht begegne“ – es ist die berühmte Zeugenschaft. Jeder Mensch braucht einen Zeugen für sein Leben. Eigentlich etwas sehr schönes, da es zeigt, dass wir um keinen Preis alleine sein wollen, dass unser Leben von einem „Du“ Bedeutung erfahren muss, damit wir es für wert befinden. Im Falle des Updates sitzen wir jedoch eher einem Geschworenen gegenüber, den wir aus irgendeinem Grund davon überzeugen müssen, dass das Leben voller Geschehnisse und Möglichkeiten steckt und dass es vorangeht, ja wohin eigentlich?

Praktiziert man diese Form des Datings regelmäßig und hört sich selbst zu Hinz und Kunz immer wieder dasselbe sagen, kann es unter Umständen passieren, dass man das, was man da erzählt, wirklich für das hält, worum es im Leben geht. Ein Leben als Trailer, nur ausgewählte, wirkungsästhetische Highlights, die mit der inneren Lebensrealität verschmelzen. Und an dieser Stelle wird das Update gebraucht, um die eigene Vorstellung mit dem inneren Zustand abzugleichen, damit das, was wir sehen wollen, von außen gesehen wird, damit wir es weiterhin so sehen…Der Einsturz  ist vorprogrammiert. Und dann, in diesen wahren, wahrhaftigen Momenten, in denen wir echt sind, in denen wir Zustände und Geschehnisse nicht formulieren müssen, kämen wir nie auf die Idee, einen Update-Partner zu treffen. Dann wollen wir mit jemandem wandeln, auf einer Wiese liegen, der uns allein im Schweigen versteht, deren pure Anwesenheit uns erfüllt. Dort ist Zusein kein Job, man „ist“. Und da man „ist“, braucht es kein Update über Gewesenes oder Kommendes.

Will man aus einer Update-Beziehung oder dem damit verbundenen Verhalten aussteigen, bieten sich einem zwei Möglichkeiten: Erstens, man hat einfach nichts großartig neues, Welt bewegendes zu erzählen. Hier wird das Gegenüber sogleich einen Fragenkatalog starten, um sich mit Energie zu versorgen, um wenig später festzustellen, dass es nichts zu holen gibt, nichts um zu vergleichen, nichts um den eigenen Trailer zu überprüfen oder aufzuwerten. Die andere Möglichkeit ist der einfache, aber hocheffektive Satz: „Mir gehts nicht gut.“ Selbst wenn es gelogen ist, lohnt es sich, diesen einmal mit voller Inbrunst zu vertreten, denn es findet sich kaum eine interessantere Reaktion als diese, es sei denn man hat jemandem mit chronischem Helfersyndrom erwischt, dann Finger weg! „Mir gehts nicht gut“ wirkt auf das Gegenüber hochalarmierend, der zusammengezimmerte Innengleichaußen-Zustand ist in Gefahr. Auf diese Aussage angemessen, ja empfindsam zu reagieren, würde nämlich bedeuten, dass man einen gewissen Raum für andere Lebensrealitäten als die gewünschte in sich zulassen müsste. (Frei gegen das Motto:  Der einzige Grund, kein Arschloch zu sein, ist der, dass man es dann auch zu sich selbst ist.) Alles in allem wird die Beziehung bei jener unproduktiven Antwort in ihren Grundfesten erschüttert und das nächste Update wird ausfallen oder auf weiteres vertagt.

Ausgehend von der Tatsache, dass alle Menschen untereinander irgendwelche unsichtbaren Verträge miteinander haben (ausgenommen vielleicht die wahren Freundschaften), lässt sich ein Update als Form von schützendem Smalltalk nicht immer vermeiden. Die spannende Frage dabei ist nur: Wann und wie oft sitzen wir uns in Wirklichkeit selbst gegenüber, was wollen wir uns da genau erzählen und welchen Vertrag haben wir eigentlich mit uns selbst?

(# Aufwiegler, # Zeitfresser, # Momo und die grauen Männer)