An J. und das Leben

„Ich will mit Dir einen Brief an die Ewigkeit schreiben, etwas Unangenehmes erfahren und mit Dir überstehen. Ich will mit Dir unseren Turm einrichten, Schlittschuh in Russland laufen und sehen, was Deine Welt im Inneren ausmacht. Ich will mich auf einem Maskenball unwissend neu in dich verlieben, Aufkleber an unerwünschte Stellen kleben, mit Dir krank sein und inhalieren mit dampfenden Schüsseln vor uns. Ich will mit Dir Persönlichkeitsstudien schreiben, mit Dir und Deiner Mutter tanzen in der Küche. Ich möchte mit Dir einmal gehen ohne zu zahlen, Ski-Fahren und mich mit Dir totlachen, weil wir es nicht hinkriegen. Ich will mit Dir in der Sankt Martins Nacht Wachslampions tragen und Kinder beobachten, die uns vieles verraten für unsere. Ich will auf einem Handball-Spiel Deine Hand halten, mit Dir im Atlantik surfen und dabei Angst vor Haien haben. Ich möchte mit Dir in Irland den Regen spüren, Collagen machen, Pläne schmieden und mit Dir ein Pferd stehlen. Ich möchte in Deinen Armen liegen und Deine Wünsche an den Wänden betrachten. Ich möchte mit Dir ewig im Dunkeln reden, in Testaccio gegen Regeln im Museum verstoßen und danach Bruschette essen, viel zu teuer. Ich möchte mit Dir einen Tag geradeaus fahren und nur ein Lied hören. An Silvester mit Dir hässliche Marzipanschweine backen, die uns zerfallen. Ich möchte mit Dir die Wiener Gloriette im Nachmittagslicht bestaunen, mit Dir und Samuel Bogen ein Bier trinken und über ungelöste Fälle rätseln. Ich will mit Dir ein Sommerhaus mit unseren Freunden mieten, dass Du eine Nacht lang mit mir an meiner Grundschule sitzt und wir uns vor Gangs fürchten, die es längst nicht mehr gibt. Eine Tortenschlacht machen, mich mit dir nach Kutschen sehnen und an 1998 denken. Mit dir in dem unsichtbaren Schloss auf den Ball schreiten und in den Fluren zurückbleiben, überdreht auf ein Autorennen gehen und dass wir davon träumen, „unsere“ Filme zu machen. Ich möchte Dir mein altes Bärchenhaus auf dem Dachboden zeigen. Mich mit Dir in lustigen Fantasien verlieren, in den Bergen baden, nach New York und dort im Trouble untergehen. Ich will mit Dir einen Nasenbär besichtigen und etwas kaputt machen. Mit Dir im Sommer Seifenblasen pusten, über unsere Sterblichkeit reden, verrückte Sonnenbrillen kaufen und Jeans-Jacken einweihen. Mit Dir vor K.s Grab stehen, es verstehen, es bestehen. Ich will Dir ein Gedicht zeigen, in alten Klostermauern Kanaster spielen, mit Dir angeln und wichtige Dinge vergessen. Ich will mit Dir  den schlechtesten Film aller Zeiten sehen und dass Du mich in Ägypten umarmst, weil alles so alt und bekannt ist. Ich will in Deinem Baumhaus nahe den Sümpfen an Geister glauben, zu Deinen Königsschätzen in den Norden von Frankreich, mit Dir Vesper fahren, Kindergeschichten erfinden, durch das Treppenhaus fechten und einen Tag lang schweigen. Ich mit Dir und Novalis das Neuland bestellen, ein Date am F.brunnen und mit Dir auf eine zu lange Lanparty, bei der wir Fieber kriegen. Ich will mit Dir an Deiner Stelle am Kanal sitzen und Dir in absoluter Stille beistehen, die Aufzeichnungen Deiner Großmutter lesen und wissen, wie Du in Spanien aussiehst. Ich möchte mit Dir ein Drehbuch schreiben, in den Alpen jodeln und dass uns ein Fremder aus seiner Sicht die Welt erklärt. Ich will mit Dir einen Tanzkurs machen wie in „Should we dance“ und wissen, welches Gesicht Du machst, wenn Du Knöpfe annähst. Ich will Deinen Schmerz schlucken. Ich will mit Dir weit auf den See hinausschwimmen und einen Schwan ärgern. Ich will mit Dir in San Francisco leben und dort mit Dir die Blickwinkel für das Schreiben trainieren. Ich will Dir den Schrecken meiner Kindheit zeigen, die einsamen nach Holz riechenden Treppen und dass du mich dort abholst. Ich will Deine alte Lehrerin mit Dir besuchen, mich mit Dir von unserer eigenen Party davonstehlen und leise Mamí zu Deiner Großmutter sagen. Ich will, dass wir einmal so reiten wie in den Filmen und mit Dir Backgammon spielen in einer Jazzbar in Montmartre. Ich will mit Dir Jeanne machen und in Arezzo Wein. Ich möchte mit Dir in ein Konzert zu Rachmaninov, wo Du die Augen schließen musst. Ich möchte Dir Rufus Umarmung zeigen, mit Dir schwedisch lernen und jemanden beschatten. An Nizzas Strand belegte Baguettes mit Thunfisch essen und im Casino alles Geld lassen. Ich will mit Dir nachts an den Ruinen der Via Appia den Himmel neu erfinden und danach heiße Cornetti essen fahren, Spargel in der Campagna pflücken und mit Dir im Kreis laufen. Ich will mit dir das Grammophon im Sommer auf eine Wiese tragen und dass wir uns flüsternd Dinge gestehen. Mit Dir und Ben über Frauen reden und ihm Mut machen, dass er die Eine findet. Ich will, dass Du mir etwas vorliest, weil es durch dich erst Sinn ergibt, wir in San Gimigiano denken, die Idee unseres Lebens zu haben, und dass wir Deinen Vater so viele Löcher in den Bauch fragen bis er vollkommen geöffnet ist. Ich will mit Dir Whisky trinken und in einem Hotelzimmer liegen, ohne jemals die Stadt zu sehen. Dass wir uns Tatoos stechen, die wir sofort schrecklich finden, und mit Dir das goldene Zeitalter suchen. Dass Du heimlich mein Tagebuch liest, ohne es mir jemals zu sagen, mit Dir in Budapest furchtbar streiten und danach stumm eine Gulaschsuppe löffeln. Ich will mit Dir ein Dach putzen, einen Drachen steigen lassen und an der Pueblo-Bushaltestelle Schmiere stehen. Ich will mit Dir in Schottland Krimis lesen, einen Baum pflanzen, unter der Propyläe am K. an einer Tafel zu Abend essen bis die Bullen kommen, mit Dir Rom erobern und jeden Tag in Deinen Augen ertrinken. Ich will mit Dir und Deinem Schiff durchbrennen und kleinlaut wiederkommen. Das Leben mit Dir schwer finden, mit Dir auf mein Feld rennen und einen Mord bis ins Detail planen. Ich will mit Dir den Flowalzer spielen, in Tokyo aus einem Fenster spucken und dass wir unsere beider Monster achten. Ich will mit Dir eine Falte nach der anderen entdecken und den Rest meines Lebens mit Dir verbringen.“